RIKI liefert Betonrahmen für das Kunsthaus Bregenz

Wenn Bilderrahmen mit der Wand verschmelzen

von Antje Merke

Sie spielt in der obersten Künstlerinnenliga: Rosemarie Trockel – Kunsthaus Bregenz zeigt neue Arbeiten

BREGENZ | Was hat der Fotoprint eines sich rasierenden Asiaten mit einem Sofa aus Stahl und einem Stück Bauchspeck in Acryl zu tun? Inhaltlich gibt es keine Verbindungen, aber alle drei Objekte gehören zur Welt von Rosemarie Trockel. Die neue Ausstellung im Kunsthaus Bregenz (KUB), die ab heute geöffnet ist, zeigt: Rosemarie Trockels Kunst lässt sich nicht in einfache Kategorien einteilen. Dazu ist sie zu beweglich, manchmal auch zu beliebig.

Foto: Roland Rasemann

Rosemarie Trockel nimmt Bezug auf das Kunsthaus Bregenz. Ihre Fotoprints hat sie in Beton gerahmt.

Rosemarie Trockel gehört zu den bedeutendsten lebenden Künstlern weltweit. Sie spielt in einer Liga mit Cindy Sherman, Jenny Holzer oder Marina Abramovic. Und es ist kein Zufall, dass diese Künstlerinnen nicht die Malerei als ihr Arbeitsfeld beackern, sondern sich mit den elektronischen Medien, den Körpern und den gesellschaftlichen wie geschlechtlichen Verhältnissen auseinandersetzen. Sie sind geprägt von einem frühen Feminismus sowie einer großen Skepsis gegenüber verfestigten Normen und Rollenmodell – ohne je ideologisch zu sein.

Inspiriert von einem Kalenderspruch Der Witz von Trockel geht tief, ihr Intellekt ist scharf, zugleich macht das ihre Ironie für den Betrachter oft schwer verständlich. Das geht einem auch in der aktuellen Ausstellung im KUB nicht anders. Schon der Titel „Märzôschnee ûnd Wiebôrweh sand am Môrgô niana me“mutet schräg an. Es ist ein Spruch aus dem Bregenzerwald, auf den die Kölner Künstlerin im Internet gestoßen ist. Er besagt, dass der Schmerz bei Frauen so schnell verfliegt wie der Schnee taut, der im Frühjahr fällt. Trockel hält natürlich nichts von solchen dämlichen Rollenklischees. Mit den Exponaten in Bregenz hat der Titel allerdings nur wenig zu tun. Er bezieht sich wenn überhaupt, dann nur auf eine Skulptur in landestypischer Tracht im Obergeschoss.

Eineinhalb Jahre hat die Künstlerin an den Objekten für das KUB gearbeitet. Das hat sie offensichtlich so erschöpft, dass sie angeblich bis zu ihrem 70. Geburtstag im Jahr 2022 keine Ausstellung mehr machen will, wie Direktor Yilmaz Dziewior sagt. Schon im ersten Stock breitet sich mit 68 Fotoprints der ganze Kosmos von Rosemarie Trockel aus. Biografisches mischt sie mit Historischem, Skurriles mit Dramatischem. Die meisten Bilder hat sie auf ihren Reisen mit dem Smartphone aufgenommen und am Computer überarbeitet, wie etwa die Stretchlimousine vor dem Plattenbau oder die Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Venedig. Manches wie der sich rasierende Asiate oder der grimmig schauende junge Mann im Rautenhemd sind bewusst inszeniert. Bezug zum Raum nimmt Trockel, indem sie sämtliche Fotoprints in Betonrahmen gefasst hat. Diese Rahmen verschmelzen mit den Sichtbetonwänden des Baus und verstärken zugleich die Farbigkeit der einzelnen Motive. Es ist ein üppiges, wirkungsvoll in Szene gesetztes Ensemble. Und allzu viel hineininterpretieren sollte man wohl nicht. Die Drucke scheinen für Trockel eher eine Spielwiese zu sein.

Spartanisch geht es dagegen in der zweiten Etage zu. Mit vier Möbelskulpturen auf der rechten Seite – zwei Sofas, eine Art Bett und Tisch – sowie einem Arrangement von Acrylwollbildern an der Wand gegenüber zaubert Trockel einen wohnlichen Charakter herbei. Ein Coup in diesem nüchternen Saal. Die Sofas sind natürlich nicht zum Ausruhen gedacht, auch wenn sie den Besucher dazu verleiten. Gemütlich wären die Sitzgelegenheiten eh nicht, sie sind aus hartem Stahlguss. Auch diese Objekte mit Titeln wie „Replace me“haben einen persönlichen Bezug zu der 62-jährigen Künstlerin. Der Knoll-Designklassiker steht seit vielen Jahren in ihrer Wohnung. Die Wollbilder wiederum knüpfen an jene Strickarbeiten an, mit denen sie in den 1980er-Jahren berühmt wurde. Für Bregenz hat sie quasi mit Wollfäden gemalt, indem diese ganz dicht nebeneinander aufgelegt und auf der Rückseite festgetackert wurden. Die bunten Streifen kommen auf der grauen Betonwand besonders gut zur Geltung. Durch die dichte Hängung steigern sie sich gegenseitig in ihrer Farbigkeit.

Das Leben ist voller Schrecken Mystisch, ja fast schon unheimlich wirkt im Vergleich dazu die Inszenierung im Obergeschoss. Der Raum ist abgedunkelt, mittendrin steht starr eine Schaufensterpuppe in schwarzer Tracht. Wer genau hinschaut, wird aber feststellen, dass dieses Kleid nur teilweise etwas mit den Originaljuppen aus dem Bregenzerwald zu tun hat. Am Oberkörper trägt sie eine schusssichere Weste, gesäumt von weißen Wolfszähnen. Hinten auf dem Rücken sind jede Menge Schutzamulette gegen das Böse angebracht, während der Rock bis zum Po aufreizend geschlitzt ist und den Blick auf eine Strapsstrumpfhose freigibt. Ihr blondes Haar wurde mit Lockenwicklern und Frischhaltefolie gebändigt, auf dem Kopf balanciert sie eine Schüssel voller Gamsbärte. Diese ironische Hommage an Vorarlberg zieht alle Blicke auf sich. Die Skulptur selbst schaut dagegen auf die gruseligen Fleischarbeiten aus Acryl und Keramik, die rundherum an den Wänden hängen und in jedem Moment abzurutschen drohen. „Avalanche“(Lawine) heißen auch manche Objekte. Das Leben ist voller Schrecken und nicht einfach zu bewältigen, will Trockel dem Betrachter damit vermutlich sagen. Vielleicht ist das Ganze aber auch nur ein Spiel, das die Absurdität der Wirklichkeit von heute offenbart. „The Critic“lautet der Titel der Skulptur, deren absurdes Erscheinungsbild sich gegen die Traditionen auflehnt.

Ja, Rosemarie Trockels Werke können einen zum Lachen bringen. Zum Beispiel auch, wenn sie ein Foto von Günther Netzer mit „Softmaschine“betitelt oder dem jungen Mann im Clownhemd den Schriftzug „Liebe Grüße aus dem Rheinland“über die Stirn laufen lässt. „Volunteer“heißt übrigens dieser Fotoprint, weil an derselben Stelle das gleichnamige Bild von Jeff Wall bis vor Kurzem hing. Ohne Wissen versteht man Trokels Ironie nicht. Aber es ist auch der Reiz ihrer Werke, sie zu entschlüsseln. Die Ausstellung dauert bis 6. April. Öffnungszeiten: Di.- So. 10- 18 Uhr, Do. 10- 20 Uhr. Weitere Infos wie etwa zu den Führungen, die in diesem Fall zu empfehlen sind, finden sich im Internet unter: kunsthaus- bregenz. at

Quelle: Schwaebische Zeitung (Ravensburg/Weingarten)